loop, Weststrasse 118, 8003 Zürich
13.06 – 21.06.2025
Jean-Baptiste Née und Felix Studinka
In situ
pool präsentiert die Arbeit von zwei Künstlern, deren Praxis einen direkten Kontakt mit der sichtbaren Realität pflegt, draußen, unter freiem Himmel. Der lateinische Begriff „in situ“ bezieht sich auf eine „Situation vor Ort“ als Ausgangspunkt für langwierige Serien zwischen der Instabilität des Motivs und der Beständigkeit ihrer Beharrlichkeit - es sei denn, es ist umgekehrt!
Jean-Baptiste Née präsentiert eine Serie, die er im Wallis an einem wilden Ort auf 2200 m Höhe geschaffen hat. Er leimt die Leinwände auf große Felsen, bevor er die ihm gegenüberliegenden Elemente mit Tinte bemalt und so Figuration und Abdruck des Ortes zusammenwebt. Mehrere Tage und Nächte lang erodieren Regen und Frost die Werke und beeinflussen die Intensität der Malsessions.
Auch für Felix Studinka ist die Natur ein Ort, der ganz unvorhersehbare Erfahrungen ermöglicht – die Natur, verstanden als ein antwortendes, alle Sinne ansprechendes Terrain ausserhalb unserer physischen und intellektuellen Behausungen. Seit vielen Jahren zeichnet er fast jeden Morgen denselben Baum in einem öffentlichen Garten. Indem er sich mit diesem scheinbar immer gleichen Objekt auseinandersetzt, untersucht er seine Beziehung zur sichtbaren Realität.


Foto: Milena Gasser, 2019.
Felix Studinka
Mein Tag beginnt damit, dass ich morgens einen Kastanienbaum zeichne – immer denselben. Die Ausrüstung ist minimal: Kohle und Papier. Um den Baum im günstigen Gegenlicht zu erleben, muss ich die Stadt in westlicher Richtung durchqueren. Später, im Atelier, ziehe ich meine Schlüsse aus den dort gewonnenen Erfahrungen. Doch was rechtfertigt diesen Aufwand? Das Wort «Erfahrung» weist darauf hin, dass ich der Begegnung, dem sinnlichen Ereignis viel Beachtung schenke. Was äusserlich wie eine endlose Wiederholung scheinen mag, ermöglicht mir einen Übertritt ins Offene.
Das Wort «Erfahrung» enthält auch die schrittweise gewonnene Einsicht, dass meine Sinne nicht nur über gewisse Eigenschaften des Baumes informiert werden, sondern dass sie selbst die Möglichkeit in sich tragen, Bewertungen vorzunehmen und direkt in meine Situation vor Ort einzuwirken. In der Geste zum Beispiel, deckt sich das Mitteileilen und das Empfangen – vergleichbar mit dem Tanz. Das Zeichnen ist eine vermittelnde Tätigkeit. Das Papier zwischen mir und dem Baum ist wie eine Bühne, auf der sich Geben und Nehmen zusammenschliessen.
Dem natürlichen Wandel ausgesetzt, zeigen sich die Dinge nie so wie erwartet, und nie bleiben sie wie erwünscht. Entsprechend schwer ist zu erfassen, was beim Sehen vor sich geht. Die Augen suchen Orientierung und halten sich ängstlich an ihre Gewohnheiten. Ganz anders der Blick. Er leidet, zweifelt, kommentiert, nimmt die anderen Sinne in Anspruch; und gerade diese Eigenschaften des Blickes treten vor einem Baum besonders deutlich hervor.
In situ ist der Bereich jenseits der Bilder und Vorstellungen, die wir uns machen. Meine Hand, das Papier, die Geste und der Blick: sie alle halten sich nicht an die Lehrbücher, wenn sie miteinander Handel treiben. Meine Bäume sind also eher räumliche Ereignisse als Elemente einer herkömmlichen Landschaft. Sie enthalten auch keine Bedeutung. Aber sie ermöglichen mir lebendige Eindrücke, und eine Beziehung zur Welt, die immer neu auszurichten ist.
In der Ausstellung befindet sich eine Reihe von Zeichnungen, die sehr nah zu einer kleinen Eiche entstanden sind, sowie einige Zeichnungen des erwähnten Kastanienbaums, den ich seit vielen Jahren aus etwa zehn Metern Entfernung zeichne.